ReactOS macht großen Schritt: NTFS und erste echte NT-6-Strukturen
ReactOS gehört zu diesen Projekten, bei denen man manchmal das Gefühl bekommt, die Entwicklung in Zeitlupe zu verfolgen. Das freie Betriebssystem versucht seit Jahrzehnten, eine möglichst hohe Kompatibilität zu Windows-Anwendungen und -Treibern zu erreichen – ohne dabei auf Microsofts Windows-Code zurückzugreifen.
Jetzt meldet das Projekt gleich zwei interessante Fortschritte: NTFS ist inzwischen soweit nutzbar, dass ReactOS darauf installiert werden kann, und gleichzeitig beginnt die interne Umstellung von der alten NT-5-Struktur in Richtung Windows NT 6.
Das klingt zunächst ziemlich technisch. Für die langfristige Entwicklung von ReactOS sind beide Schritte aber wichtig.
ReactOS will Windows-Kompatibilität ohne Windows sein
ReactOS verfolgt ein ungewöhnlich ambitioniertes Ziel.
Das Betriebssystem soll sich gegenüber Programmen und Treibern möglichst ähnlich wie Windows verhalten, ist aber selbst Open Source.
Dabei geht es nicht darum, Windows optisch einfach nachzubauen.
Entscheidend ist vielmehr die technische Kompatibilität.
Windows-Anwendungen sollen möglichst direkt laufen können, ohne dass dafür ein echtes Windows installiert sein muss.
Genau deshalb dauert die Entwicklung auch so lange.
Wer eine Benutzeroberfläche nachbauen möchte, ist relativ schnell fertig. Wer dagegen jahrzehntelang gewachsene Windows-Schnittstellen kompatibel implementieren will, hat etwas mehr zu tun.
Sehr viel mehr.
NTFS wird endlich praktisch nutzbar
Eine der wichtigsten Neuerungen betrifft NTFS.
Bisher spielte bei ReactOS vor allem FAT eine größere Rolle. Der NTFS-Treiber befand sich dagegen über viele Jahre in Entwicklung und war für einen normalen Einsatz nur eingeschränkt geeignet.
Das ändert sich nun deutlich.
ReactOS kann inzwischen auf einer NTFS-formatierten Partition installiert und anschließend von dort betrieben werden.
Zusätzlich kann das Betriebssystem selbst NTFS-Partitionen formatieren.
Die Implementierung soll dabei mit Windows kompatibel sein.
Warum NTFS für ReactOS so wichtig ist
NTFS ist seit vielen Jahren das Standard-Dateisystem moderner Windows-Installationen.
Wer sich technisch stärker an Windows orientieren möchte, kommt daran praktisch nicht vorbei.
FAT funktioniert zwar grundsätzlich, besitzt aber zahlreiche Einschränkungen, die bei modernen Systemen wenig attraktiv sind.
NTFS unterstützt unter anderem Funktionen wie:
- große Dateien und Datenträger
- Dateiberechtigungen
- Journaling
- erweiterte Dateiattribute
- Links und weitere moderne Dateisystemfunktionen
ReactOS wird dadurch nicht automatisch zu einem modernen Windows-Ersatz.
Aber ein Betriebssystem, das Windows möglichst weitgehend nachbilden möchte, braucht irgendwann auch ein vernünftiges NTFS-Fundament.
Insofern ist dieser Fortschritt deutlich wichtiger, als ein neuer Button oder ein überarbeitetes Startmenü.
Der zweite große Schritt: Von NT 5 Richtung NT 6
Parallel beginnt ReactOS mit einer langfristig noch wichtigeren Veränderung.
Die interne Struktur soll schrittweise stärker an die NT-6-Generation von Windows angepasst werden.
Microsoft verwendete NT 5 unter anderem für Windows 2000 und Windows XP.
Mit Windows Vista begann anschließend die NT-6-Generation.
Dazu gehören beispielsweise:
- Windows Vista
- Windows 7
- Windows 8
- Windows 8.1
Technisch setzt sich diese Entwicklung in späteren Windows-Versionen natürlich weiter fort.
ReactOS orientierte sich historisch sehr stark an der Windows-XP- beziehungsweise NT-5-Welt.
Genau davon möchte sich das Projekt zunehmend lösen.
„Documents and Settings“ verschwindet
Eine der ersten sichtbaren Veränderungen betrifft die Benutzerprofile.
Bislang verwendete ReactOS die aus Windows XP bekannte Struktur:
C:\Documents and SettingsDiese wird nun zugunsten von:
C:\Userszurückgedrängt beziehungsweise ersetzt.
Wer Windows Vista oder eine neuere Windows-Version kennt, dürfte die zweite Variante sofort erkennen.
Microsoft hatte den Wechsel selbst mit Windows Vista durchgeführt.
Damit nähert sich ReactOS nicht nur optisch, sondern auch intern stärker an die Struktur modernerer Windows-Versionen an.
Ein kleiner Ordnername mit großer Bedeutung
Auf den ersten Blick könnte man natürlich sagen:
Na gut, ein Ordner heißt jetzt Users statt Documents and Settings.
Große Sache.
Technisch steckt dahinter aber mehr.
Viele Anwendungen erwarten bestimmte Pfade, Systemvariablen und Verzeichnisstrukturen.
Wenn ReactOS langfristig Programme unterstützen möchte, die für Windows Vista, 7, 8 oder neuere Systeme entwickelt wurden, müssen auch solche grundlegenden Strukturen passen.
Der Wechsel ist deshalb eher ein Zeichen für die größere Richtung, in die sich das Projekt bewegt.
Bedeutet das jetzt Windows-7- oder Windows-11-Kompatibilität?
Nein.
Und diesen Punkt finde ich wichtig.
Die aktuellen Fortschritte bedeuten nicht, dass ReactOS plötzlich auf dem technischen Stand von Windows Vista, Windows 7 oder Windows 11 angekommen ist.
Auch die vollständige NT-6-Kompatibilität ist noch nicht erreicht.
ReactOS befindet sich weiterhin in aktiver Entwicklung und viele Anwendungen, Treiber oder Hardwarekonfigurationen funktionieren nach wie vor nicht oder nur eingeschränkt.
Man sollte die aktuelle Entwicklung deshalb eher als Fundament betrachten.
Das Projekt baut Stück für Stück Strukturen auf, die für moderne Windows-Kompatibilität notwendig sind.
UEFI war bereits ein wichtiger Schritt
In den vergangenen Jahren gab es bereits mehrere Fortschritte.
So konnte ReactOS beispielsweise Unterstützung für UEFI-Boot vorweisen.
Auch beim FAT-Dateisystem, bei Plug & Play, Registry-Funktionen und anderen Kernkomponenten wurde weitergearbeitet.
Dazu kamen erste technische Vorbereitungen für NT-6-kompatiblere Systemaufrufe.
NTFS und die neue Benutzerverzeichnisstruktur passen deshalb gut in diese langfristige Entwicklung.
Es sind keine voneinander unabhängigen Spielereien, sondern Bausteine derselben Modernisierung.
Warum dauert das eigentlich Jahrzehnte?
ReactOS existiert inzwischen seit rund 30 Jahren.
Das klingt erst einmal absurd lang.
Man muss allerdings bedenken, was das Projekt versucht.
Windows besteht aus einer enormen Zahl von Schnittstellen, APIs, Treibermodellen, Eigenheiten und historischen Kompatibilitätsmechanismen.
Viele Programme erwarten ganz bestimmte Verhaltensweisen, die nicht immer vollständig dokumentiert sind.
ReactOS muss diese Funktionen unabhängig nachbauen.
Und zwar so, dass reale Windows-Programme möglichst keinen Unterschied bemerken.
Das ist keine kleine Aufgabe für ein Community-Projekt.
Mein Eindruck
Ich finde ReactOS gerade deshalb interessant, weil das Projekt so kompromisslos an einem eigentlich ziemlich verrückten Ziel festhält.
Nach 30 Jahren ist daraus immer noch kein vollwertiger Windows-Ersatz geworden.
Trotzdem werden Schritt für Schritt technische Hürden beseitigt, die irgendwann notwendig sein werden, wenn ReactOS über die Windows-XP-Ära hinauskommen möchte.
NTFS gehört definitiv dazu.
Die Umstellung auf Users statt Documents and Settings wirkt daneben fast unspektakulär, zeigt aber sehr schön, dass sich das Projekt langsam von seiner alten NT-5-Basis entfernt.
Für den Alltag weiterhin eher Experiment als Ersatz
Wer jetzt überlegt, Windows 11 vom Rechner zu werfen und ReactOS als Hauptsystem zu installieren, sollte die Erwartungen allerdings etwas bremsen.
ReactOS ist weiterhin in erster Linie ein experimentelles Betriebssystem.
Für Tests, virtuelle Maschinen und technisch Interessierte ist es spannend.
Für einen produktiven Rechner würde ich es derzeit nicht einsetzen.
Dazu fehlen noch zu viele Dinge, die man von einem modernen Desktop-Betriebssystem erwartet.
Das schmälert die aktuellen Fortschritte aber nicht.
Fazit
ReactOS hat zwei wichtige Meilensteine erreicht.
NTFS ist inzwischen soweit fortgeschritten, dass das System auf einer NTFS-Partition installiert und betrieben werden kann. Außerdem können entsprechende Partitionen direkt unter ReactOS formatiert werden.
Gleichzeitig beginnt der schrittweise Übergang von der alten NT-5-Struktur in Richtung NT 6.
Der Wechsel von Documents and Settings zu Users ist eines der ersten sichtbaren Zeichen dafür.
ReactOS ist damit noch längst kein Ersatz für Windows 7, 10 oder 11.
Aber das Projekt bewegt sich technisch langsam aus der Windows-XP-Welt heraus.
Und bei ReactOS ist „langsam“ eigentlich schon immer Teil des Konzepts gewesen.
Quelle
Neowin:
“Open source Windows” ReactOS finally reaching Vista, 7, 8, 8.1 level, gets NTFS support
https://www.neowin.net/news/open-source-windows-reactos-finally-reaching-vista-7-8-81-level-gets-ntfs-support/