Ubuntu 26.10 ist da: Myna bringt lokale Spracherkennung auf den Desktop

Canonical hat Ubuntu 26.10 „Stonking Stingray“ veröffentlicht. Die neue Version bringt unter anderem GNOME 51, Linux-Kernel 7.3, Verbesserungen bei Sicherheit und Speicherverwaltung sowie Unterstützung für neue Hardware.
Die auffälligste Neuerung ist für mich allerdings Myna. Dahinter steckt eine neue lokale Sprachfunktion, mit der Ubuntu erste Schritte in Richtung sprachgesteuerter Desktop geht.
Und Canonical wählt dabei einen Ansatz, den viele Linux-Nutzer wahrscheinlich lieber sehen werden als eine ständig mit der Cloud verbundene KI: Die Verarbeitung soll lokal auf dem Rechner stattfinden.
Ubuntu 26.10 ist keine LTS-Version
Zunächst ist wichtig: Ubuntu 26.10 ist eine reguläre Zwischenversion.
Canonical unterstützt sie deshalb nur neun Monate.
Wer möglichst lange Ruhe vor größeren Versionswechseln haben möchte, ist mit einer LTS-Version weiterhin besser bedient. Ubuntu 26.10 richtet sich eher an Nutzer, die neue Technik früh ausprobieren möchten und kein Problem damit haben, 2027 wieder auf die nächste Version umzusteigen.
Dafür bekommt man einige ziemlich aktuelle Komponenten.
GNOME 51 bildet die Desktop-Basis
Ubuntu 26.10 verwendet GNOME 51 als Grundlage für die Desktop-Oberfläche.
Wie üblich übernimmt Canonical GNOME nicht komplett unverändert, sondern ergänzt eigene Anpassungen.
Trotzdem landen viele der Neuerungen aus GNOME 51 direkt auf dem Ubuntu-Desktop.
Für die tägliche Nutzung ist das vermutlich relevanter als viele Änderungen unter der Haube, denn GNOME bestimmt schließlich, wie sich das System im Alltag anfühlt.
Linux-Kernel 7.3 bringt Unterstützung für neue Hardware
Auch beim Kernel ist Ubuntu 26.10 ziemlich aktuell.
Die Distribution setzt auf Linux 7.3 und erweitert damit unter anderem die Unterstützung für kommende und aktuelle Hardwareplattformen.
Genannt werden beispielsweise:
- Intel Xe3P beziehungsweise Nova Lake
- AMD Zen 6
- NVIDIA 615
Gerade bei neuen Notebooks und Desktop-Systemen kann ein aktueller Kernel einen deutlichen Unterschied machen.
Neue Hardware und ein alter Kernel sind schließlich nicht immer die beste Kombination.
Myna bringt lokale Spracherkennung
Die spannendste Neuerung ist Myna.
Der Name stammt von einem Vogel, der menschliche Stimmen nachahmen kann – was für eine Sprachfunktion durchaus passend gewählt ist.
Myna ist zunächst eine optionale Speech-to-Text-Funktion.
Wer sie aktiviert, kann Sprache direkt in Text umwandeln. Während der Nutzung zeigt Ubuntu visuelles Feedback an, sodass erkennbar ist, wann die Spracherkennung aktiv ist.
Der entscheidende Punkt dabei:
Die Sprachverarbeitung basiert auf lokalen Modellen.
Die gesprochenen Inhalte müssen für die eigentliche Erkennung also nicht zwangsläufig an einen externen Cloud-Dienst geschickt werden.
Gerade bei Sprache finde ich das ziemlich wichtig.
Canonical hat mit Myna deutlich größere Pläne
Myna soll allerdings nicht dauerhaft nur ein besseres Diktierwerkzeug bleiben.
Canonical beschreibt die Funktion als ersten Schritt hin zu einem stärker intentionsbasierten Desktop.
Die Idee dahinter ist interessant.
Statt sich durch Programme, Menüs und Einstellungen zu klicken, soll man Ubuntu irgendwann einfach sagen können, was man erreichen möchte.
Ein Entwickler könnte beispielsweise beschreiben, dass Tests fehlschlagen und er Hilfe bei der Analyse benötigt.
Ubuntu könnte dann künftig selbstständig relevante Testergebnisse untersuchen, passende Dateien finden und die benötigten Werkzeuge vorbereiten.
Davon ist Myna in Ubuntu 26.10 noch ein gutes Stück entfernt.
Aber man erkennt ziemlich deutlich, wohin Canonical möchte.
KI auf Linux – aber etwas anders
Das Thema dürfte bei Linux-Nutzern durchaus Diskussionen auslösen.
Während Microsoft KI-Funktionen inzwischen an vielen Stellen in Windows integriert, ist das auf klassischen Linux-Desktops bislang deutlich zurückhaltender passiert.
Ubuntu öffnet diese Tür nun ein Stück weiter.
Der lokale Ansatz macht für mich dabei einen großen Unterschied.
Eine optionale Funktion, die lokal arbeitet, ist etwas anderes als ein ständig aktiver Cloud-Assistent, der sich tief ins Betriebssystem integriert.
Solange Canonical bei diesem Prinzip bleibt und dem Nutzer die Kontrolle überlässt, finde ich das Experiment durchaus interessant.
Myna soll bis Ubuntu 28.04 weiter wachsen
Ubuntu 26.10 ist offenbar nur der Anfang.
Canonical möchte Myna in den kommenden Versionen weiterentwickeln.
Bis zur nächsten langfristig unterstützten Version Ubuntu 28.04 LTS soll die Funktion deutlich umfangreicher werden.
Laut Canonical ist außerdem vorgesehen, Myna später standardmäßig in Ubuntu zu integrieren.
Wie weit die Fähigkeiten bis dahin tatsächlich gehen werden, bleibt abzuwarten.
Von einfacher Spracherkennung bis zu einem echten Desktop-Agenten ist schließlich noch ein ziemlich weiter Weg.
Verbesserte Verschlüsselung mit TPM
Auch bei der Laufwerksverschlüsselung gibt es Neuerungen.
Canonical erweitert die bereits vorhandene TPM-gestützte Vollverschlüsselung.
Die Funktion soll nun auf mehr Hardwarekonfigurationen nutzbar sein, auch wenn kein klassischer Hardware Root of Trust vorhanden ist.
Zusätzlich können Anwender eine PIN oder Passphrase verlangen.
Damit soll die Laufwerksverschlüsselung flexibler einsetzbar werden, ohne auf die Vorteile einer TPM-basierten Absicherung verzichten zu müssen.
Post-Quantum-Signaturen für Pakete
Ubuntu 26.10 führt außerdem Sequoia PGP für die Paket-Signierung ein.
Canonical bereitet sich damit auf kryptografische Verfahren vor, die auch gegenüber zukünftigen Quantencomputern widerstandsfähiger sein sollen.
Für den normalen Desktop-Nutzer ist davon im Alltag zunächst wenig sichtbar.
Langfristig sind solche Änderungen aber wichtig, weil Paketquellen und Softwareupdates zu den zentralen Vertrauensankern einer Linux-Distribution gehören.
Microsoft Entra ID wird stärker integriert
Canonical verbessert außerdem die Integration von Microsoft Entra ID.
Damit wird Ubuntu insbesondere für Unternehmensumgebungen interessanter, in denen Microsofts Identitätsplattform bereits verwendet wird.
Das zeigt auch ganz gut, wohin sich Ubuntu inzwischen entwickelt hat.
Die Distribution möchte längst nicht mehr nur der klassische Linux-Desktop für Privatanwender sein, sondern stärker in Unternehmensumgebungen hineinwachsen.
Rust-basierte Coreutils sind jetzt vollständig umgestellt
Eine weitere technische Änderung betrifft die klassischen Kommandozeilenwerkzeuge.
Ubuntu hat den Umstieg auf die in Rust entwickelten uutils coreutils abgeschlossen.
Damit werden viele bekannte Unix-Werkzeuge durch moderne Implementierungen ersetzt.
Für die meisten Desktop-Nutzer dürfte sich dadurch optisch nichts verändern.
Unter der Haube ist es dennoch eine interessante Entwicklung, weil Rust in immer mehr grundlegende Linux-Komponenten Einzug hält.
Verbesserungen bei Stabilität und Speicherverwaltung
Ubuntu 26.10 bringt außerdem einige eher unscheinbare, aber praktische Änderungen.
Als Standardimplementierung für D-Bus kommt nun dbus-broker zum Einsatz.
Dabei wird unter anderem genauer kontrolliert, wie viele Nachrichten einzelne Anwendungen erzeugen.
Das soll verhindern, dass eine problematische Anwendung den gesamten Desktop ausbremst.
Zusätzlich wurde das Verhalten bei knappem Arbeitsspeicher verbessert.
Neue OOM-Bewertungen sollen dabei helfen, unter Speicherdruck sinnvoller zu entscheiden, welche Prozesse beendet werden.
Das sind genau diese Änderungen, die kaum jemand auf einem Screenshot sieht – die man aber bemerkt, wenn etwas schiefläuft.
Mehr Unterstützung für RISC-V und AMD ROCm
Auch bei den Plattformen erweitert Canonical die Unterstützung.
Ubuntu 26.10 bringt Desktop-Images für RISC-V-Systeme mit RVA23-Unterstützung.
Zusätzlich wird ROCm 10.0 unterstützt, AMDs Plattform für GPU-Computing und KI-Anwendungen.
Für moderne x86-Systeme gibt es außerdem einen speziellen Installer für amd64v3-Hardware.
Damit kann Ubuntu stärker auf neuere Prozessorfunktionen optimiert werden.
Mein Eindruck
Ubuntu 26.10 ist für mich vor allem wegen Myna interessant.
Nicht unbedingt deshalb, weil die aktuelle Spracherkennung schon revolutionär wäre.
Spannend ist vielmehr, dass Canonical damit sichtbar beginnt, über einen Desktop nachzudenken, der stärker versteht, was der Nutzer erreichen möchte, anstatt nur auf Klicks in Menüs zu warten.
Dass die Verarbeitung zunächst lokal erfolgt und die Funktion optional ist, gefällt mir dabei deutlich besser als ein Ansatz, bei dem sofort alles über irgendeinen Cloud-Dienst laufen muss.
Wie daraus bis Ubuntu 28.04 ein echter Assistent werden soll, wird spannend.
Fazit
Mit Ubuntu 26.10 „Stonking Stingray“ liefert Canonical eine technisch ziemlich umfangreiche Zwischenversion.
GNOME 51, Linux 7.3, neue Sicherheitsfunktionen, bessere Speicherverwaltung, modernisierte Coreutils und mehr Hardwareunterstützung wären für sich genommen schon ein ordentliches Update.
Myna sticht trotzdem heraus.
Noch ist es vor allem eine lokale Sprach-zu-Text-Funktion. Canonical sieht darin aber den Einstieg in einen Desktop, der künftig stärker auf natürliche Sprache und Absichten reagieren soll.
Für mich ist dabei weniger entscheidend, dass Ubuntu jetzt ebenfalls „KI bekommt“.
Interessanter ist, dass Canonical versucht, sie lokal und kontrollierbar umzusetzen.
Download: https://ubuntu.com/download/desktop
Quellen
Neowin:
Ubuntu 26.10 debuts Myna, a local AI voice agent named after a talking bird
https://www.neowin.net/news/ubuntu-2610-debuts-myna-a-local-ai-voice-agent-named-after-a-talking-bird/
Canonical:
Canonical releases Ubuntu 26.10 Stonking Stingray
https://ubuntu.com/blog/canonical-releases-ubuntu-26-10-stonking-stingray