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LibreOffice kritisiert Microsoft wegen OOXML-Standardisierung

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Die Document Foundation, also die Organisation hinter LibreOffice, holt ein altes, aber bis heute relevantes Thema wieder hervor: die Standardisierung von OOXML, dem Dateiformat hinter modernen Microsoft-Office-Dokumenten.

Dabei erhebt die Stiftung schwere Vorwürfe gegen Microsoft.

Nach ihrer Darstellung habe Microsoft den Standardisierungsprozess damals gezielt zu seinen Gunsten beeinflusst, um OOXML neben dem bereits etablierten OpenDocument Format (ODF) als ISO-Standard durchzubringen.

Das Ganze klingt auf den ersten Blick nach einem sehr technischen Streit aus längst vergangenen Zeiten.

Tatsächlich wirkt die Entscheidung bis heute nach – vor allem dann, wenn Dokumente zwischen Microsoft Office, LibreOffice und anderen Programmen ausgetauscht werden.

Worum geht es bei OOXML und ODF überhaupt?

ODF und OOXML sind Dateiformate für Office-Dokumente.

ODF wird unter anderem von LibreOffice verwendet und ist als offener Standard gedacht.

OOXML ist das XML-basierte Format von Microsoft Office und steckt heute beispielsweise hinter:

  • DOCX

  • XLSX

  • PPTX

Beide Formate sollten eigentlich dasselbe Grundproblem lösen:

Dokumente so speichern, dass Struktur, Inhalte und Formatierungen standardisiert beschrieben werden.

In der Praxis sind die beiden Welten allerdings nie wirklich zusammengewachsen.

Der Konflikt begann schon Anfang der 2000er

Microsoft arbeitete bereits um das Jahr 2000 an XML-basierten Nachfolgern für die alten Formate DOC, XLS und PPT.

Die Document Foundation beschreibt die damalige Lage so, dass Microsoft ODF nicht als Grundlage übernehmen wollte, weil das nicht den eigenen strategischen Interessen entsprach.

Richtig brisant wurde das Thema laut der heutigen Darstellung im Jahr 2006.

Damals entschied der US-Bundesstaat Massachusetts, für öffentliche Dokumente stärker auf ODF zu setzen.

Das Ziel war, sich bei langfristig wichtigen Dokumenten nicht vollständig an einen einzelnen Hersteller zu binden.

Für Microsoft war das natürlich keine unbedeutende Entscheidung.

Wenn Behörden offene Dokumentformate vorschreiben, kann das direkten Einfluss auf die Verwendung von Office-Produkten haben.

OOXML wurde im Fast-Track-Verfahren eingereicht

Im selben Jahr reichte Ecma International OOXML zur Standardisierung bei ISO/IEC ein.

Dabei kam das sogenannte Fast-Track-Verfahren zum Einsatz.

Genau daran stört sich die Document Foundation bis heute.

Ein solches Verfahren ist eigentlich dafür gedacht, bereits weitgehend ausgereifte Spezifikationen relativ schnell durch den formalen Standardisierungsprozess zu bringen.

Bei OOXML handelte es sich allerdings um eine Spezifikation mit ungefähr 6.000 Seiten.

Dass so ein Dokument im Schnellverfahren angemessen geprüft werden kann, darf man zumindest hinterfragen.

Erste Abstimmung scheiterte

Im September 2007 scheiterte OOXML zunächst an der notwendigen Zustimmung.

Mehrere Länder meldeten technische und organisatorische Bedenken an.

Brasilien brachte zahlreiche technische Einwände vor.

Indien kritisierte unter anderem die mangelnde Kompatibilität mit ODF.

Auch Frankreich und Norwegen äußerten Bedenken.

Damit war die Sache allerdings nicht beendet.

Die Document Foundation spricht von Unregelmäßigkeiten

Besonders kritisch bewertet die Document Foundation, was anschließend in mehreren nationalen Standardisierungsgremien passiert sein soll.

Nach ihrer Darstellung stieg die Zahl der Teilnehmer dort plötzlich deutlich an.

In Portugal seien beispielsweise zahlreiche neue Mitglieder hinzugekommen, darunter Microsoft-Geschäftspartner.

In Italien soll die Zahl der Teilnehmer von nur wenigen Personen auf rund 80 gestiegen sein.

Darunter befanden sich laut der Darstellung auch Unternehmen und Organisationen, die fachlich eigentlich wenig mit Dokumentformaten zu tun hatten.

Die Document Foundation interpretiert diese Entwicklung als gezielte Einflussnahme.

Wichtig ist aber:

Das ist die heutige Bewertung der Organisation.

Der Vorwurf lautet also nicht nur, dass Microsoft für OOXML geworben hat, sondern dass das Unternehmen den Abstimmungsprozess aktiv zu seinen Gunsten beeinflusst habe.

Kritik kam schon damals aus dem ISO-Umfeld

Die Debatte war nicht nur auf LibreOffice-nahe Kreise beschränkt.

Auch innerhalb des Standardisierungsprozesses gab es damals öffentliche Kritik.

Der Koordinator einer ISO-Arbeitsgruppe beschwerte sich laut dem Bericht darüber, dass neu hinzugekommene Teilnehmer bestimmte Verfahrensentscheidungen blockierten oder Abstimmungen beschleunigen wollten.

Die Document Foundation sieht darin einen weiteren Beleg dafür, dass der Prozess nicht mehr nur technisch geprägt gewesen sei.

Stattdessen sei es zunehmend um wirtschaftliche Interessen gegangen.

2008 kam OOXML schließlich durch

Im Jahr 2008 fand schließlich das sogenannte Ballot Resolution Meeting statt.

Dort wurde versucht, die zahlreichen offenen Einwände und technischen Probleme abzuarbeiten.

Am Ende erhielt OOXML genügend Stimmen für die ISO-Standardisierung.

Damit war OOXML offiziell als ISO/IEC-Standard anerkannt.

Mehrere Beschwerden und Einsprüche gegen den Prozess wurden später abgewiesen.

Für Microsoft war das strategisch enorm wichtig.

Damit konnte das Unternehmen sagen:

OOXML ist nicht nur ein Microsoft-Format, sondern ein international standardisiertes Dokumentformat.

LibreOffice wirft Microsoft heute Manipulation vor

Die Document Foundation formuliert ihre heutige Kritik sehr deutlich.

Sie ist der Ansicht, dass Microsoft den Prozess bewusst ausgereizt beziehungsweise manipuliert habe.

Als Argumente nennt die Stiftung unter anderem:

  • die Nutzung des Fast-Track-Verfahrens

  • die enorme Länge der Spezifikation

  • kurzfristig stark wachsende nationale Gremien

  • eine hohe Zahl Microsoft-naher Teilnehmer

  • extrem begrenzte Prüfzeiten

  • politischen und wirtschaftlichen Druck

Das ist eine harte Anschuldigung.

Sie sollte deshalb auch als das bezeichnet werden, was sie ist:

eine sehr deutliche Bewertung der Document Foundation.

Warum das heute noch relevant ist

Man könnte sich natürlich fragen, warum man 2026 noch über einen Standardisierungsstreit von vor fast 20 Jahren diskutieren sollte.

Die Antwort ist ziemlich einfach:

Weil die Folgen immer noch da sind.

LibreOffice und Microsoft Office verstehen sich bei Dokumenten zwar grundsätzlich.

Aber gerade bei komplexen Dateien können weiterhin Unterschiede auftreten.

Dazu gehören zum Beispiel:

  • Diagramme

  • Layouts

  • Formatierungen

  • eingebettete Objekte

  • spezielle Office-Funktionen

  • Makros

Wer schon einmal ein aufwendiges Word-Dokument in LibreOffice geöffnet hat, kennt das Prinzip.

Meistens funktioniert alles.

Und manchmal steht plötzlich etwas drei Zentimeter weiter links.

Strict und Transitional sorgen zusätzlich für Probleme

Ein besonders interessanter Punkt ist der Unterschied zwischen Strict OOXML und Transitional OOXML.

Der ISO-Standard enthält eine streng standardisierte Variante.

Microsoft Office verwendete allerdings lange Zeit vor allem die sogenannte Transitional-Variante.

Diese enthält zahlreiche ältere Microsoft-spezifische Elemente, um die Kompatibilität mit älteren Office-Dokumenten zu erhalten.

Genau das macht die Sache kompliziert.

Denn Software wie LibreOffice muss nicht nur einen sauberen Standard unterstützen.

Sie muss zusätzlich mit vielen historischen Microsoft-Eigenheiten umgehen.

Office 2010 setzte nicht konsequent auf Strict OOXML

Die Document Foundation kritisiert insbesondere, dass Microsoft selbst nach der ISO-Standardisierung nicht einfach vollständig auf die Strict-Variante umgestiegen sei.

Stattdessen wurde weiterhin stark mit Transitional OOXML gearbeitet.

Das ist technisch nachvollziehbar, weil Microsoft Millionen älterer Dokumente unterstützen musste.

Aus Sicht offener Standards ist es aber problematisch.

Ein Standard bringt schließlich wenig, wenn die dominierende Software weiterhin hauptsächlich eine Übergangsvariante verwendet.

Das ist ein Grund für heutige Kompatibilitätsprobleme

Genau hier liegt aus meiner Sicht der eigentlich interessante Teil der Geschichte.

Viele Nutzer denken bei DOCX:

„Das ist ein Standardformat, also sollte es überall identisch aussehen.“

Theoretisch klingt das logisch.

Praktisch funktioniert die Welt aber komplizierter.

Office-Dokumente enthalten über Jahrzehnte gewachsene Funktionen und Spezialfälle.

LibreOffice versucht diese möglichst korrekt abzubilden.

Microsoft Office wiederum ist natürlich darauf optimiert, die eigenen Dokumente exakt so darzustellen, wie sie ursprünglich erstellt wurden.

Deshalb können Unterschiede entstehen.

ODF verfolgt einen anderen Ansatz

LibreOffice setzt standardmäßig auf OpenDocument Format.

Dazu gehören beispielsweise:

  • ODT für Textdokumente

  • ODS für Tabellen

  • ODP für Präsentationen

ODF wurde von Anfang an als herstellerunabhängiger Standard entwickelt.

Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass jedes ODF-Dokument in jeder Anwendung vollständig identisch aussieht.

Auch offene Standards können unterschiedlich implementiert werden.

Der grundlegende Vorteil liegt eher darin, dass die Spezifikation unabhängig von einem einzelnen Hersteller entwickelt wird.

Digitale Souveränität spielt heute eine größere Rolle

Die Document Foundation verbindet die historische OOXML-Debatte inzwischen stark mit dem Thema digitale Souveränität.

Gemeint ist damit unter anderem die Frage:

Wie abhängig sollten Behörden, Unternehmen oder Privatpersonen von einem einzelnen Anbieter sein?

Bei Dokumentformaten ist diese Frage besonders interessant.

Ein Dokument kann schließlich Jahrzehnte lang wichtig bleiben.

Deshalb sollte idealerweise auch in vielen Jahren noch klar definiert sein, wie diese Datei gelesen werden kann.

Microsoft hatte natürlich ebenfalls Interessen

Man sollte bei der Geschichte allerdings nicht so tun, als sei nur eine Seite strategisch unterwegs gewesen.

Microsoft hatte ein enormes Interesse daran, bestehende Office-Dokumente und Funktionen möglichst vollständig weiterzuverwenden.

IBM, Sun Microsystems und andere Unternehmen standen damals ebenfalls in harter Konkurrenz zu Microsoft.

Auch rund um ODF spielten wirtschaftliche Interessen eine Rolle.

Standards entstehen selten in einem völlig neutralen technischen Vakuum.

Der Unterschied liegt eher darin, wie viel Einfluss einzelne Unternehmen auf den Prozess ausüben können.

Mein Eindruck

Ich finde die Geschichte vor allem deshalb interessant, weil sie zeigt, wie politisch technische Standards sein können.

Auf dem Papier klingt ein Dateiformat langweilig.

In Wirklichkeit entscheidet es mit darüber, welche Software Behörden, Unternehmen und Millionen Nutzer verwenden.

Wer den dominierenden Standard kontrolliert, besitzt automatisch erheblichen Einfluss.

Ob man deshalb jede damalige Entscheidung Microsofts als gezielte Manipulation bewerten möchte, ist noch einmal eine andere Frage.

Die Document Foundation tut genau das sehr deutlich.

Dass der OOXML-Standardisierungsprozess damals höchst umstritten war, steht allerdings außer Frage.

Und die heutigen Kompatibilitätsprobleme zeigen, dass diese Entscheidungen eben nicht nur historische Fußnoten sind.

Was bedeutet das für normale Nutzer?

Für Privatanwender muss daraus keine Glaubensfrage werden.

Wer hauptsächlich mit Microsoft-Office-Nutzern Dateien austauscht, fährt häufig mit DOCX, XLSX und PPTX am unkompliziertesten.

Wer Dokumente langfristig offen und herstellerunabhängig speichern möchte, kann dagegen ODF verwenden.

In LibreOffice würde ich deshalb grundsätzlich das native ODF-Format bevorzugen, solange kein konkreter Grund für Microsoft-Formate besteht.

Wenn ein Dokument an Nutzer von Microsoft Office geschickt werden soll, kann man anschließend immer noch eine DOCX-, XLSX- oder PDF-Version erzeugen.

Das ist für mich der pragmatischste Weg.

Fazit

Die Document Foundation wirft Microsoft vor, den Standardisierungsprozess von OOXML in den Jahren 2006 bis 2008 gezielt beeinflusst zu haben.

Im Mittelpunkt der Kritik stehen:

  • das Fast-Track-Verfahren

  • die riesige OOXML-Spezifikation

  • ungewöhnliche Veränderungen in nationalen Standardisierungsgremien

  • eine starke Beteiligung Microsoft-naher Unternehmen

  • der spätere Einsatz von Transitional statt Strict OOXML

OOXML wurde 2008 trotzdem als ISO-Standard anerkannt.

Die Debatte wirkt bis heute nach.

LibreOffice und andere Office-Programme müssen weiterhin zahlreiche Eigenheiten von Microsofts OOXML-Implementierung berücksichtigen, was zu Kompatibilitätsproblemen führen kann.

Für mich zeigt die Geschichte vor allem eines:

Ein Dokumentformat ist nie nur ein Dateiformat. Wer den Standard bestimmt, bestimmt ein Stück weit auch, welche Software wir verwenden.

Quellen

Neowin:
LibreOffice reveals how Microsoft manipulated the system to standardize OOXML instead of ODF
https://www.neowin.net/news/libreoffice-reveals-how-microsoft-manipulated-the-system-to-standardize-ooxml-instead-of-odf/

The Document Foundation:
The history of OOXML format
https://blog.documentfoundation.org/blog/2026/10/23/the-history-of-ooxml-format/