Google und KI an Schulen: Rückzieher mit einem entscheidenden Haken

Künstliche Intelligenz im Unterricht ist ein Thema, über das sich derzeit trefflich streiten lässt. Während einige Schulen KI als sinnvolle Unterstützung beim Lernen betrachten, möchten andere den Einsatz bewusst einschränken. Google hat nun eine Entscheidung getroffen, die genau diese Diskussion erneut anheizt.
Eigentlich wollte das Unternehmen Schulen mehr Kontrolle über seine KI-Dienste geben. Allerdings entstand zunächst der Eindruck, dass Einrichtungen, die auf Googles KI verzichten, gleichzeitig den Zugang zur Google-Suche verlieren würden.
Nach deutlicher Kritik hat Google seine Pläne inzwischen klargestellt. Schulen können Gemini und andere KI-Anwendungen unabhängig von der Suchmaschine aktivieren oder deaktivieren.
Einen wichtigen Haken gibt es aber weiterhin: Eine vollständig KI-freie Google-Suche ist für Schulen nicht vorgesehen.
Google will Schulen mehr Kontrolle über KI geben
Am 3. November 2026 kündigte Google Änderungen an seinen Bildungsangeboten an.
Im Mittelpunkt stehen Gemini, Gemini Notebook, Gemini in Classroom und die Google-Suche.
Die neuen Einstellungen betreffen zunächst sogenannte K-12-Schülerkonten. Damit sind im amerikanischen Bildungssystem die Klassen vom Kindergarten bis zum Abschluss der weiterführenden Schule gemeint.
Ab 2027 sollen die entsprechenden Dienste für diese Schülerkonten zunächst standardmäßig deaktiviert sein.
Schuladministratoren müssen sie anschließend ausdrücklich freischalten.
Das klingt eigentlich nach einer vernünftigen Entscheidung. Schließlich sollten Schulen selbst bestimmen können, welche digitalen Werkzeuge sie im Unterricht verwenden möchten.
Problematisch wurde es allerdings bei der Frage, wie eng Google seine Suchmaschine inzwischen mit künstlicher Intelligenz verknüpft hat.
Wer keine KI wollte, sollte auch die Google-Suche verlieren
In der ursprünglichen Kommunikation entstand der Eindruck, dass Schulen vor einer ziemlich unangenehmen Entscheidung stehen würden.
Entweder sie erlauben Googles KI-Funktionen oder ihre Schüler können die Google-Suche über die verwalteten Schulkonten nicht mehr verwenden.
Google begründete diese Einschränkung damit, dass die Suche und die integrierten KI-Funktionen inzwischen eng miteinander verbunden seien.
Für viele Bildungseinrichtungen wäre das ein erheblicher Nachteil.
Schließlich gehört die Internetsuche längst zum Schulalltag. Schüler recherchieren für Referate, suchen nach Erklärungen und beschäftigen sich mit unterschiedlichen Quellen.
Dass der Zugang zu einer klassischen Suchmaschine plötzlich von der Nutzung künstlicher Intelligenz abhängig sein könnte, sorgte deshalb für deutliche Kritik.
Und die ließ nicht lange auf sich warten.
Politiker und Bildungsexperten kritisieren Google
Besonders in den USA löste die Ankündigung heftige Reaktionen aus.
Der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani warf Google vor, seine starke Marktstellung auszunutzen, um KI-Anwendungen in öffentlichen Schulen durchzusetzen.
Auch US-Senator Bernie Sanders kritisierte die ursprünglichen Pläne scharf und sprach von einer Form der Erpressung.
Die frühere Vorsitzende der amerikanischen Handelsaufsicht FTC, Lina Khan, äußerte ebenfalls Bedenken.
Hinter der Kritik steckt eine grundsätzliche Frage: Wie viel Einfluss sollte ein großer Technologiekonzern darauf haben, welche digitalen Werkzeuge Schulen einsetzen?
Gerade Google ist im Bildungsbereich stark vertreten.
Chromebooks, Google Classroom und verschiedene Workspace-Anwendungen gehören an vielen Schulen zur alltäglichen Ausstattung.
Wenn ein Anbieter mit einer solchen Reichweite bestimmte Funktionen miteinander verknüpft, betrifft das entsprechend viele Schüler und Lehrkräfte.
Google stellt klar: Gemini lässt sich separat deaktivieren
Nach der öffentlichen Kritik veröffentlichte Google eine zusätzliche Erklärung auf X.
Darin machte das Unternehmen deutlich, dass Schulen keineswegs sämtliche Dienste gemeinsam aktivieren müssen.
Stattdessen können Administratoren selbst entscheiden, welche Angebote sie freischalten.
So soll es beispielsweise möglich sein, die Google-Suche zu erlauben, während Gemini und Gemini Notebook deaktiviert bleiben.
Damit ist zumindest die zunächst befürchtete direkte Kopplung zwischen den eigenständigen KI-Anwendungen und der Suchmaschine vom Tisch.
Das ist eine wichtige Klarstellung.
Eine Schule muss also nicht automatisch den Gemini-Chatbot zulassen, nur damit Schüler weiterhin über Google recherchieren können.
Allerdings ist damit noch nicht die gesamte Kritik ausgeräumt.
Der Haken: Die Google-Suche bleibt weiterhin KI-gestützt
Der entscheidende Punkt betrifft die KI-Funktionen, die inzwischen direkt in der Suchmaschine stecken.
Google unterscheidet zwischen eigenständigen Anwendungen wie Gemini und integrierten Funktionen wie AI Overviews und AI Mode.
AI Overviews sind die KI-generierten Zusammenfassungen, die bei bestimmten Suchanfragen direkt über den klassischen Suchergebnissen erscheinen.
AI Mode geht noch einen Schritt weiter und ermöglicht eine stärker dialogorientierte Suche, bei der Nutzer komplexe Fragen stellen und anschließend nachhaken können.
Diese Funktionen bleiben Bestandteil der Google-Suche.
Schulen können zwar die eigenständigen Gemini-Anwendungen deaktivieren, erhalten aber nach derzeitigem Stand keine offizielle Möglichkeit, AI Overviews und AI Mode vollständig aus der Suche zu entfernen.
Wer seinen Schülern die Google-Suche zur Verfügung stellen möchte, muss deshalb weiterhin bestimmte KI-Funktionen akzeptieren.
Ich finde genau diese Unterscheidung wichtig.
Denn zwischen einem freiwillig verwendeten KI-Chatbot und automatisch eingeblendeten KI-Antworten innerhalb einer normalen Suchmaschine liegt durchaus ein Unterschied.
Google setzt auf geführtes Lernen statt fertiger Antworten
Google möchte die Bedenken von Lehrkräften und Eltern mit einem neuen Ansatz berücksichtigen.
Statt Schülern bei schulischen Aufgaben sofort fertige Ergebnisse zu präsentieren, sollen die KI-Funktionen künftig stärker beim eigentlichen Lernprozess helfen.
Das Unternehmen bezeichnet diesen Ansatz als „Guided Learning“, also geführtes Lernen.
Die Idee dahinter ist relativ einfach.
Wenn ein Schüler beispielsweise eine komplizierte Physikaufgabe in die Google-Suche eingibt, soll die KI nicht sofort die vollständige Lösung liefern.
Stattdessen erklärt sie die notwendigen Zusammenhänge, stellt Rückfragen und führt schrittweise durch die Aufgabe.
Ähnlich soll es beim Schreiben von Texten oder bei anderen schulischen Fragestellungen funktionieren.
Damit möchte Google verhindern, dass Schüler KI lediglich verwenden, um ihre Hausaufgaben möglichst schnell erledigen zu lassen.
Grundsätzlich halte ich den Ansatz für sinnvoll.
Eine KI, die Zusammenhänge erklärt und zum Nachdenken anregt, kann beim Lernen tatsächlich hilfreicher sein als ein System, das einfach nur das fertige Ergebnis ausspuckt.
Entscheidend wird allerdings sein, wie zuverlässig diese Unterscheidung in der Praxis funktioniert.
Google Classroom bekommt die Funktion bereits weltweit
Während der neue Lernmodus in der Google-Suche zunächst getestet werden soll, ist Guided Learning in Google Classroom bereits weltweit verfügbar.
Lehrkräfte können entsprechende Lernaktivitäten erstellen, die Schüler anschließend mithilfe der KI bearbeiten.
Dabei soll das System auf die jeweiligen Unterrichtsmaterialien zurückgreifen.
Lehrer erhalten außerdem Informationen darüber, wie die Schüler mit den Aufgaben zurechtkommen und an welchen Stellen möglicherweise zusätzliche Unterstützung notwendig ist.
Für die Google-Suche ist der Rollout dagegen noch nicht so weit.
Ein Pilotprojekt soll im November 2026 an ausgewählten Schulen in den USA beginnen.
Dabei möchte Google zunächst Rückmeldungen von Lehrkräften sammeln, bevor die Funktionen auf weitere Schulen ausgeweitet werden.
Ist KI im Unterricht grundsätzlich sinnvoll?
Diese Frage lässt sich meiner Meinung nach nicht mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten.
Künstliche Intelligenz kann durchaus ein hilfreiches Lernwerkzeug sein.
Gerade wenn Schüler bei einer Aufgabe nicht weiterkommen, können zusätzliche Erklärungen oder alternative Lösungswege sinnvoll sein.
Problematisch wird es allerdings, wenn die KI das eigene Nachdenken vollständig ersetzt.
Wer eine Hausaufgabe nur noch kopiert und die Antwort anschließend übernimmt, hat möglicherweise ein fertiges Ergebnis, aber nicht unbedingt etwas gelernt.
Außerdem können KI-Systeme Fehler machen.
Wenn eine automatisch erzeugte Erklärung überzeugend klingt, aber sachlich falsch ist, müssen Schüler überhaupt erst in der Lage sein, das zu erkennen.
Deshalb sollte KI im Unterricht nicht einfach nur verfügbar sein, sondern sinnvoll eingeordnet und begleitet werden.
Und genau hier kommen die Schulen ins Spiel.
Lehrkräfte müssen entscheiden können, wann solche Werkzeuge hilfreich sind und wann sie den Lernprozess eher behindern.
Warum die fehlende Wahlmöglichkeit problematisch bleibt
Was mich an Googles Entscheidung stört, ist weniger die Integration künstlicher Intelligenz selbst.
Technologische Entwicklungen gehören nun einmal auch zum Bildungsbereich.
Das eigentliche Problem ist die fehlende Möglichkeit, bestimmte Funktionen bewusst auszuschalten.
Eine Schule sollte meiner Meinung nach frei entscheiden können, ob sie eine klassische Suchmaschine, eine KI-gestützte Suche oder einen eigenständigen Lernassistenten einsetzen möchte.
Diese drei Dinge erfüllen schließlich unterschiedliche Aufgaben.
Es ist durchaus nachvollziehbar, dass Google seine Produkte weiterentwickeln und KI stärker integrieren möchte.
Wenn dabei aber grundlegende Funktionen nur noch gemeinsam mit KI-Komponenten angeboten werden, wird die Wahlfreiheit eingeschränkt.
Gerade im Bildungsbereich sollte diese Entscheidung nicht allein beim Softwareanbieter liegen.
Was bedeutet das für Schulen in Deutschland?
Die angekündigten Änderungen beziehen sich zunächst auf Googles K-12-Bildungsangebote.
Welche konkreten Auswirkungen die neuen Administratoreinstellungen auf deutsche Schulen haben werden, ist bislang nicht vollständig beschrieben.
Google will weitere technische Einzelheiten in den kommenden Monaten veröffentlichen.
Schulen, die Google Workspace for Education verwenden, sollten die Entwicklung deshalb im Blick behalten.
Besonders wichtig wird sein, welche Dienste künftig separat verwaltet werden können und welche Funktionen innerhalb der Google-Suche fest integriert bleiben.
Wer KI im Unterricht bewusst einschränken möchte, sollte außerdem prüfen, welche alternativen Suchangebote oder technischen Schutzmöglichkeiten infrage kommen.
Eine verbindliche Aussage zur konkreten Umsetzung in deutschen Bildungseinrichtungen lässt sich derzeit allerdings noch nicht treffen.
Fazit: Google gibt Schulen mehr Kontrolle – aber nicht vollständig
Google hat auf die deutliche Kritik reagiert und seine ursprüngliche Kommunikation zur KI-Nutzung an Schulen korrigiert.
Die eigenständigen Gemini-Anwendungen lassen sich künftig unabhängig von der Google-Suche aktivieren oder deaktivieren.
Das ist ein sinnvoller Schritt.
Allerdings bleibt ein wesentlicher Kritikpunkt bestehen: Die KI-Funktionen AI Overviews und AI Mode sind weiterhin fest mit der Suche verbunden.
Eine klassische Google-Suche ohne diese Bestandteile ist für Schulen nach aktuellem Stand nicht als eigene Option vorgesehen.
Mein Fazit: Googles Ansatz des geführten Lernens klingt durchaus interessant und könnte Schülern helfen, KI sinnvoller einzusetzen.
Trotzdem sollte die Entscheidung über den Einsatz solcher Technologien bei den Schulen liegen.
Denn gute digitale Bildung bedeutet nicht, möglichst viele KI-Funktionen einzubauen.
Sie bedeutet auch, dass Lehrkräfte und Bildungseinrichtungen selbst entscheiden können, welche Werkzeuge ihren Schülern tatsächlich helfen.
Und manchmal gehört dazu eben auch die Möglichkeit, eine Funktion einfach auszuschalten.
Quellen
Neowin – Google backtracks on controversial AI decision for schools, but there's a catch (4. November 2026)
Google – Designing responsible AI for learning (3. November 2026)
https://blog.google/products-and-platforms/products/education/ai-learning-era-updates-2026/
Associated Press – Bericht über Googles KI-Vorgaben für Schulen (4. November 2026)
https://apnews.com/article/7ba4219e505db1c11d672f6eefe7155a
Education Week – Google's New Rules Hand Schools Hard Choices About AI and Search (3. November 2026)


