Gebrauchtes PC-Netzteil prüfen: Wie zuverlässig sind meine Messwerte?

Ein gebrauchtes PC-Netzteil kann eine günstige Alternative zum Neukauf sein. Allerdings weiß man bei einem Netzteil aus zweiter Hand selten, wie viele Betriebsstunden es bereits hinter sich hat oder unter welchen Bedingungen es zuvor gelaufen ist. Und gerade beim Netzteil möchte ich ungern auf gut Glück ausprobieren, ob noch alles funktioniert.
Deshalb habe ich mein gebrauchtes Netzteil vor dem Einbau mit einem einfachen ATX-Netzteiltester und einem Multimeter überprüft. Dabei ging es mir vor allem um die Frage, ob die ausgegebenen Spannungen stimmen und ob sich bereits erste Anzeichen für einen Defekt erkennen lassen.
Die Ergebnisse waren erfreulich. Allerdings zeigen sie auch, warum ein bestandener Netzteiltest noch lange keine Garantie für ein zuverlässiges Netzteil ist.
Netzteil mit einem ATX-Tester überprüfen
Für die erste Kontrolle habe ich einen handelsüblichen Netzteiltester verwendet. Solche Geräte sind praktisch, weil sie mehrere Spannungen gleichzeitig anzeigen können. Man muss also nicht jede Leitung einzeln mit dem Multimeter durchmessen.
Der Tester zeigte bei meinem Netzteil folgende Werte:
| Messpunkt | Gemessener Wert |
|---|---|
| +12V1 | 11,7 V |
| +12V2 | 11,7 V |
| +5V | 5,0 V |
| +3,3V | 3,3 V |
| −12V | −11,7 V |
| +5VSB | 5,0 V |
| Power Good (PG) | 300 ms |
Auf den ersten Blick sieht das ordentlich aus. Sämtliche angezeigten Spannungen befinden sich innerhalb der üblichen ATX-Toleranzen.
Besonders die 5-Volt- und 3,3-Volt-Werte fallen positiv auf. Hier zeigt das Prüfgerät genau die jeweilige Nennspannung an.
Etwas interessanter sind die beiden 12-Volt-Anzeigen. Statt glatter 12,0 Volt meldet der Tester jeweils 11,7 Volt. Das klingt zunächst nach einer deutlicheren Abweichung, ist technisch aber noch völlig im Rahmen.
Wichtig ist außerdem, dass die Bezeichnungen 12V1 und 12V2 am Tester nicht automatisch bedeuten, dass das Netzteil tatsächlich zwei voneinander unabhängige 12-Volt-Schienen besitzt.
Sind 11,7 Volt auf der 12-Volt-Schiene zu wenig?
Die 12-Volt-Versorgung spielt bei modernen PCs eine besonders wichtige Rolle. Über sie werden unter anderem die Spannungswandler für Prozessor und Grafikkarte versorgt. Entsprechend genau wollte ich mir diesen Messwert anschauen.
Bei einem ATX-Netzteil darf die positive 12-Volt-Spannung normalerweise um fünf Prozent vom Sollwert abweichen. Daraus ergibt sich folgender zulässiger Bereich:
11,4 Volt: untere Toleranzgrenze
12,0 Volt: vorgesehene Nennspannung
12,6 Volt: obere Toleranzgrenze
Die angezeigten 11,7 Volt liegen damit innerhalb der Spezifikation. Allein daraus lässt sich also kein Fehler ableiten.
Trotzdem wollte ich mich nicht ausschließlich auf die Anzeige des Netzteiltesters verlassen.
Nachmessen mit dem Multimeter: 11,9 Volt statt 11,7 Volt
Im nächsten Schritt habe ich die 12-Volt-Spannung zusätzlich mit einem Multimeter kontrolliert. Dabei kam ein etwas anderer Wert heraus: 11,9 Volt.
Das entspricht einer Abweichung von lediglich rund 0,83 Prozent gegenüber den vorgesehenen 12 Volt. Ein Wert, mit dem ich zunächst sehr zufrieden bin.
Warum zeigt der Netzteiltester dann nur 11,7 Volt an?
Dafür gibt es mehrere mögliche Erklärungen. Einfache Netzteiltester sind nicht unbedingt besonders präzise. Auch unterschiedliche Messpunkte, Kontaktwiderstände oder die jeweilige Messsituation können eine Rolle spielen.
Eine Differenz von 0,2 Volt ist deshalb noch kein Hinweis auf einen technischen Defekt.
Allerdings habe ich mit dem Multimeter nur einen Messpunkt auf der 12-Volt-Versorgung kontrolliert. Ob dieser genau der Anzeige 12V1 oder 12V2 am Tester entspricht, lässt sich daraus nicht sicher bestimmen.
Für mich ist trotzdem entscheidend, dass beide Messgeräte Spannungen innerhalb des erlaubten Bereichs anzeigen.
Was bedeutet der Power-Good-Wert von 300 ms?
Neben den Spannungen zeigt mein Netzteiltester auch einen sogenannten Power-Good-Wert an. Dieser lag bei 300 Millisekunden.
Hinter diesem Wert steckt ein Signal, mit dem das Netzteil dem Mainboard mitteilt, dass seine wichtigen Ausgangsspannungen bereitstehen.
Vereinfacht gesagt: Das Mainboard soll erst dann mit dem regulären Startvorgang beginnen, wenn die Stromversorgung ausreichend stabil ist.
Die angezeigten 300 Millisekunden sind bei einem üblichen ATX-Netzteil unauffällig und geben mir zunächst keinen Anlass zur Sorge.
Man sollte diesen Wert allerdings nicht überbewerten. Der Tester prüft damit weder sämtliche Schutzfunktionen noch das Verhalten des Netzteils bei einer plötzlich steigenden Belastung.
Warum ein bestandener Netzteiltest nicht alles aussagt
Bis hierhin sieht es für mein gebrauchtes Netzteil ziemlich gut aus. Es startet, stellt die erwarteten Versorgungsspannungen bereit und liefert keine auffälligen Messwerte.
Damit ist jedoch nur ein Teil der Prüfung erledigt.
Ein einfacher Netzteiltester belastet ein PC-Netzteil normalerweise kaum. Im tatsächlichen Betrieb sieht das ganz anders aus. Sobald Prozessor und Grafikkarte arbeiten, muss das Netzteil deutlich höhere Ströme liefern und auf schnelle Lastwechsel reagieren.
Genau dabei können Probleme auftreten, die bei einem Test ohne nennenswerte Belastung unsichtbar bleiben.
Dazu gehören beispielsweise Spannungseinbrüche, übermäßige Restwelligkeit oder instabiles Verhalten bei hoher Leistungsaufnahme.
Besonders die Restwelligkeit, häufig als Ripple bezeichnet, lässt sich mit einem normalen Multimeter nicht zuverlässig beurteilen. Dafür benötigt man geeignete Messtechnik, beispielsweise ein Oszilloskop und einen passenden Messaufbau.
Auch über den Zustand der verbauten Kondensatoren kann ich bisher keine verlässliche Aussage treffen.
Das Netzteil kann also heute problemlos die richtigen Spannungen anzeigen und trotzdem unter Last Schwierigkeiten machen.
Wie ich das gebrauchte Netzteil weiter prüfen würde
Bevor ich das Netzteil dauerhaft in einem PC verwende, möchte ich zunächst herausfinden, um welches Modell es sich genau handelt.
Hersteller, Modellbezeichnung, Alter und technische Ausführung sind bei einem gebrauchten Netzteil wichtige Informationen. Ein hochwertiges Gerät ist nicht automatisch in Ordnung, nur weil ein bekannter Markenname daraufsteht. Umgekehrt muss ein älteres Netzteil auch nicht zwangsläufig defekt sein.
Anschließend wäre ein Test unter realistischen Betriebsbedingungen sinnvoll.
Dabei würde ich besonders auf die Stabilität der Spannungen und auf ungewöhnliches Verhalten achten. Dazu zählen beispielsweise unerwartete Neustarts, Abschaltungen oder auffällige Lüftergeräusche.
Einen solchen Belastungstest würde ich allerdings nur mit einem grundsätzlich vertrauenswürdigen Netzteil durchführen. Einen wertvollen PC als Testplattform für ein unbekanntes oder offensichtlich beschädigtes Netzteil zu verwenden, wäre mir das Risiko nicht wert.
Auf eine eigene Überprüfung der Bauteile im Inneren verzichte ich ebenfalls. In einem Netzteil können auch nach dem Trennen vom Stromnetz gefährliche Spannungen vorhanden sein. Das Öffnen und Prüfen gehört deshalb in fachkundige Hände.
Mein Fazit: Die ersten Messungen machen einen guten Eindruck
Nach meinen bisherigen Messungen habe ich keinen konkreten Grund, das gebrauchte PC-Netzteil als defekt einzustufen.
Die vom Netzteiltester angezeigten 11,7 Volt auf der 12-Volt-Versorgung liegen innerhalb der zulässigen Grenzen. Noch erfreulicher finde ich die mit dem Multimeter gemessenen 11,9 Volt. Auch die übrigen Versorgungsspannungen sowie der Power-Good-Wert von 300 Millisekunden wirken unauffällig.
Für eine erste Überprüfung ist das ein ordentliches Ergebnis.
Trotzdem wäre es voreilig, das Netzteil damit bereits als uneingeschränkt zuverlässig einzustufen. Seine Leistungsfähigkeit bei hoher Belastung, die Restwelligkeit und der tatsächliche Verschleißzustand sind weiterhin unbekannt.
Mein vorläufiges Urteil: Das Netzteil hat die grundlegende Spannungsprüfung bestanden. Ob ich es dauerhaft in einem PC einsetzen würde, hängt vom genauen Modell und weiteren Prüfungen ab.
Der erste Eindruck stimmt also. Jetzt muss sich nur noch zeigen, ob das Netzteil auch dann zuverlässig arbeitet, wenn es mehr leisten muss als ein paar Zahlen auf einem kleinen Display zu produzieren.


