Dänemark beendet Collabora-Pilot: Microsoft-Ausstieg gerät ins Stocken

Der Plan klang ambitioniert: weniger Abhängigkeit von Microsoft, mehr Open Source und langfristig mehr digitale Souveränität.
Nun gibt es bei diesem Vorhaben einen deutlichen Rückschlag.
Das dänische Digitalisierungsministerium hat einen Pilotversuch mit Collabora Office beendet. Die Open-Source-Office-Lösung sollte zeigen, ob sich Microsoft Office im Behördenalltag zumindest teilweise ersetzen lässt.
Der Test wird nicht fortgesetzt.
Ganz so einfach wie „Collabora funktioniert nicht“ ist die Geschichte allerdings nicht.
Denn eine geplante abschließende Auswertung des Pilotprojekts hat offenbar gar nicht stattgefunden.
38 Mitarbeiter testeten Collabora
Der Versuch startete mit einer vergleichsweise kleinen Gruppe von 38 Mitarbeitern des Ministeriums.
Sie sollten im Arbeitsalltag ausprobieren, wie gut sich Collabora als Alternative zu Microsofts Office-Anwendungen einsetzen lässt.
Dabei ging es nicht nur darum, ein paar Texte zu schreiben oder Tabellen zu öffnen.
Gerade in Behörden müssen Dokumente zwischen verschiedenen Mitarbeitern, Abteilungen und bestehenden Fachanwendungen zuverlässig ausgetauscht werden.
Und genau dort wird ein Wechsel des Office-Pakets schnell komplizierter als eine normale Softwareinstallation.
Ziel war mehr technologische Unabhängigkeit
Hinter dem Projekt stand eine grundsätzlich größere Idee.
Dänemark wollte seine Abhängigkeit von einzelnen ausländischen Technologieunternehmen reduzieren.
Microsoft spielt mit Windows, Microsoft 365, Word, Excel, Outlook und Teams in vielen Behörden eine zentrale Rolle.
Wer eine solche Infrastruktur ersetzen möchte, tauscht deshalb nicht einfach ein Programm gegen ein anderes aus.
Es geht um ganze Arbeitsabläufe, Dateiformate und Schnittstellen.
Genau deshalb war der dänische Versuch interessant.
Der Pilot wurde nicht regulär abgeschlossen
Der Collabora-Test wurde laut den vorliegenden Berichten beendet, nachdem im Frühjahr 2026 Wahlen ausgerufen worden waren.
Ein Sprecher des Ministeriums bestätigte anschließend, dass das Experiment abgeschlossen sei und nicht wieder aufgenommen werden soll.
Bemerkenswert ist allerdings:
Eine ursprünglich vorgesehene Evaluation wurde nicht durchgeführt.
Damit fehlt ausgerechnet der Teil des Projekts, der besonders interessant gewesen wäre.
Wir wissen also nicht sauber dokumentiert, wie Collabora im direkten Vergleich mit Microsoft Office abgeschnitten hat.
Deshalb kann man nicht einfach von einem technischen Scheitern sprechen
Genau diese Unterscheidung finde ich wichtig.
Während des Tests wurden durchaus technische Schwierigkeiten gemeldet.
Daraus lässt sich aber nicht automatisch ableiten, dass diese Probleme der Grund für das Ende des Pilotprojekts waren.
Ohne abschließende Evaluation bleibt offen:
welche Probleme tatsächlich dauerhaft bestanden
welche davon gelöst wurden
welche Arbeitsabläufe funktionierten
welche nicht funktionierten
wie groß der zusätzliche Aufwand war
ob eine größere Einführung technisch realistisch gewesen wäre
Deshalb wäre die Aussage „Dänemark hat Collabora getestet und festgestellt, dass es nicht funktioniert“ schlicht zu stark.
Diese Untersuchung wurde offenbar gerade nicht zu Ende geführt.
Probleme mit Office-Dokumenten gab es trotzdem
Ganz reibungslos verlief der Versuch allerdings nicht.
Bereits während der Testphase wurden Probleme beim Austausch von Dokumenten bekannt.
Dabei ging es unter anderem um:
Formatierungen
leere Seiten
Änderungsverfolgung
Darstellung von Office-Dokumenten
Gerade beim Wechsel zwischen Microsoft Office und Open-Source-Office-Paketen sind solche Punkte ein alter Bekannter.
Ein einfaches Schreiben funktioniert meist problemlos.
Spannend wird es bei Dokumenten, die über Jahre gewachsen sind und alle möglichen Office-Funktionen verwenden.
OOXML und ODF treffen wieder aufeinander
Im Hintergrund spielt dabei auch der Unterschied zwischen den Dokumentformaten eine Rolle.
Microsoft Office arbeitet hauptsächlich mit OOXML-Formaten wie:
DOCX
XLSX
PPTX
Open-Source-Lösungen wie Collabora und LibreOffice setzen dagegen traditionell stark auf das OpenDocument Format, kurz ODF.
Dazu gehören:
ODT
ODS
ODP
Beide Welten können Dateien der jeweils anderen Seite öffnen.
Das bedeutet aber nicht automatisch, dass jedes komplexe Dokument anschließend pixelgenau identisch aussieht.
Kleine Unterschiede werden in Behörden schnell zum großen Problem
Im privaten Bereich ist eine leicht verschobene Tabelle vielleicht nur nervig.
In einer Verwaltung können solche Unterschiede deutlich unangenehmer sein.
Dort gibt es:
offizielle Vorlagen
fest definierte Formulare
automatisierte Dokumentenerstellung
Änderungsverfolgung
komplexe Tabellen
Fachverfahren mit Office-Anbindung
Wenn ein Dokument dabei plötzlich eine zusätzliche leere Seite produziert oder eine Formatierung verrutscht, ist das nicht nur eine optische Kleinigkeit.
Bei tausenden Dokumenten wird daraus schnell ein organisatorisches Problem.
Das eigentliche Problem ist oft größer als Word oder Collabora
Und genau hier wird die Diskussion aus meiner Sicht interessant.
Bei solchen Migrationen wird gerne gefragt:
Kann Collabora Word ersetzen?
Eigentlich müsste die Frage häufig lauten:
Wie viele unserer Prozesse wurden über Jahre so gebaut, dass sie Microsoft Office voraussetzen?
Das ist ein großer Unterschied.
Wenn Fachanwendungen Word-Vorlagen erwarten, Excel-Dateien automatisch erzeugen oder bestimmte Office-Funktionen direkt ansprechen, reicht es nicht, auf den Arbeitsplatzrechnern ein anderes Office-Paket zu installieren.
Dann muss die gesamte Umgebung betrachtet werden.
Jahrzehnte Microsoft hinterlassen Spuren
Das ist keine Besonderheit von Dänemark.
Viele Unternehmen und Behörden verwenden Microsoft Office seit Jahrzehnten.
In dieser Zeit entstehen:
Makros
Vorlagen
Add-ins
Schnittstellen
Dokumentenarchive
automatisierte Workflows
Diese Dinge verschwinden nicht, nur weil man eine andere Office-Suite installiert.
Das ist für mich einer der Punkte, die in der Diskussion über digitale Souveränität manchmal etwas zu kurz kommen.
Der Wunsch nach Unabhängigkeit ist schnell ausgesprochen.
Die eigentliche Migration beginnt danach.
Open Source ist nicht automatisch ein Drop-in-Ersatz
Auch das sollte man realistisch sehen.
Collabora oder LibreOffice können sehr leistungsfähige Office-Pakete sein.
Das bedeutet aber nicht, dass man Microsoft Office in einer großen Organisation einfach deinstallieren und am nächsten Morgen genauso weiterarbeiten kann.
Eine erfolgreiche Migration braucht unter anderem:
Tests vorhandener Dokumente
Anpassung von Vorlagen
Kontrolle von Makros
Prüfung von Fachanwendungen
Schulungen
neue Arbeitsabläufe
klare Dateiformat-Strategien
Je größer die Organisation, desto wichtiger wird diese Vorbereitung.
Schade ist vor allem die fehlende Auswertung
Das eigentlich Enttäuschende an der dänischen Geschichte finde ich deshalb weniger, dass der Pilot beendet wurde.
Pilotprojekte dürfen scheitern.
Dafür sind sie schließlich da.
Problematischer ist, dass offenbar keine abschließende Evaluation durchgeführt wurde.
Gerade diese hätte anderen Behörden wertvolle Informationen liefern können.
Was funktionierte?
Was funktionierte nicht?
Wie viel Aufwand wäre für eine echte Migration notwendig gewesen?
Welche Probleme lagen bei Collabora und welche bei bestehenden Microsoft-abhängigen Prozessen?
Genau diese Erkenntnisse wären für andere europäische Verwaltungen interessant gewesen.
Digitale Souveränität bleibt trotzdem ein Thema
Das Ende dieses Pilotprojekts bedeutet auch nicht, dass die Diskussion um Microsoft-Abhängigkeiten erledigt wäre.
In mehreren europäischen Ländern und Behörden wird derzeit darüber diskutiert, stärker auf:
Open Source
offene Standards
europäische Anbieter
lokale Infrastruktur
zu setzen.
Dabei geht es nicht zwingend darum, Microsoft vollständig aus jeder Behörde zu verbannen.
Oft ist bereits eine Verringerung der Abhängigkeit das eigentliche Ziel.
Schleswig-Holstein geht einen ähnlichen Weg
Auch in Deutschland gibt es entsprechende Projekte.
Besonders bekannt ist Schleswig-Holstein, wo Teile der Landesverwaltung schrittweise stärker auf Open-Source-Software umgestellt werden sollen.
Solche Projekte werden jetzt natürlich genau beobachtet.
Denn sie müssen zeigen, ob sich technologische Unabhängigkeit auch im echten Verwaltungsalltag umsetzen lässt.
Eine PowerPoint über digitale Souveränität ist schließlich relativ schnell erstellt.
Interessant wird es, wenn danach 25 Jahre gewachsene Dokumente und Anwendungen umziehen sollen.
Dänemarks Test wäre deshalb besonders wertvoll gewesen
Genau deshalb hätte ich eine ausführliche Bewertung des dänischen Piloten spannend gefunden.
Selbst ein negatives Ergebnis wäre wertvoll gewesen.
Wenn sich beispielsweise gezeigt hätte, dass bestimmte Dokumenttypen massive Probleme verursachen, hätten andere Behörden daraus lernen können.
Wenn dagegen nur einige wenige bestehende Arbeitsprozesse angepasst werden müssten, wäre auch das eine wichtige Erkenntnis gewesen.
Jetzt bleibt hauptsächlich die Information:
Der Versuch ist beendet.
Warum er unter technischen Gesichtspunkten letztlich gescheitert oder vielleicht auch gar nicht gescheitert ist, lässt sich nicht abschließend beurteilen.
Mein Eindruck
Ich würde aus der Geschichte deshalb weder einen Sieg für Microsoft noch eine Niederlage für Open Source machen.
Dafür ist die Faktenlage zu dünn.
Es gab offenbar reale Kompatibilitätsprobleme.
Das überrascht mich bei einer solchen Migration überhaupt nicht.
Entscheidend wäre gewesen, systematisch herauszufinden, welche Probleme lösbar sind und welcher Aufwand dafür erforderlich ist.
Genau diese Auswertung fehlt.
Und das ist schade.
Denn bei digitaler Souveränität wird man irgendwann über den politischen Wunsch hinauskommen müssen.
Am Ende müssen Word-Dokument, Fachverfahren und Änderungsverfolgung am Montagmorgen eben trotzdem funktionieren.
Fazit
Das dänische Digitalisierungsministerium hat seinen Pilotversuch mit Collabora Office beendet.
38 Mitarbeiter hatten die Open-Source-Office-Lösung getestet, um zu untersuchen, ob sich die Abhängigkeit von Microsoft Office reduzieren lässt.
Während des Versuchs wurden unter anderem Probleme mit Formatierungen, leeren Seiten und der Dokumentkompatibilität bekannt.
Eine geplante abschließende Evaluation wurde jedoch nicht durchgeführt.
Deshalb lässt sich aus dem Ende des Projekts nicht seriös ableiten, dass Collabora grundsätzlich als Microsoft-Office-Ersatz gescheitert ist.
Was bleibt, ist vielmehr eine ziemlich typische Erkenntnis bei großen Softwaremigrationen:
Das neue Programm ist oft nicht das schwierigste Problem. Schwieriger sind die zwanzig Jahre Arbeitsabläufe, die rund um das alte Programm entstanden sind.
Quellen
Neowin:
Denmark has abandoned plans to ditch Microsoft Office after technical problems
https://www.neowin.net/news/denmark-has-abandoned-plans-to-ditch-microsoft-office-after-technical-problems/
iBestuur:
Denemarken stopt stilzwijgend met alternatief voor Microsoft Office
https://ibestuur.nl/overheid-in-transitie/politiek-en-beleid/denemarken-stopt-stilzwijgend-alternatief-voor-microsoft