Notrufsäulen an der Autobahn: Brauchen wir sie heute noch?

Sie gehören seit Jahrzehnten zum Bild deutscher Autobahnen: die gelben Notrufsäulen am Fahrbahnrand.
Früher waren sie bei einer Panne oder einem Unfall oft die einzige Möglichkeit, schnell Hilfe zu rufen. Heute sieht die Welt anders aus. Fast jeder hat ein Smartphone dabei, viele Autos besitzen automatische Notrufsysteme wie eCall, und die Zahl der Anrufe über die Säulen ist deutlich zurückgegangen.
Genau deshalb prüft die Autobahn GmbH derzeit, ob das bestehende Notrufsystem in dieser Form noch weiterbetrieben werden soll.
Ganz verschwunden ist die Entscheidung aber noch nicht.
Rund 17.000 Notrufsäulen stehen noch an deutschen Autobahnen
Nach Angaben der Autobahn GmbH gibt es bundesweit noch rund 17.000 Notrufsäulen.
Sie stehen in regelmäßigen Abständen von etwa zwei Kilometern entlang der Autobahnen und sind in beiden Fahrtrichtungen zu finden.
Je nach Ausführung gibt es unterschiedliche Varianten:
- Säulen mit Klappe, die beim Öffnen automatisch eine Verbindung zur Notrufzentrale herstellen
- Säulen mit zwei Tasten
- eine rote Taste für Notfälle und Unfälle
- eine gelbe Taste für Pannen
Das System stammt aus einer Zeit, in der ein eigenes Mobiltelefon alles andere als selbstverständlich war.
Und genau das hat sich inzwischen grundlegend geändert.
Die Nutzung geht stark zurück
Die Zahlen zeigen ziemlich deutlich, wie sehr die Bedeutung der Notrufsäulen gesunken ist.
Im Jahr 2015 wurden noch 84.124 Nutzungen registriert.
Davon entfielen 6.958 auf Notfallmeldungen.
Im Jahr 2021 waren es nur noch 33.509 Anrufe, davon 3.755 Notfälle.
Das ist ein deutlicher Rückgang.
Wenn man bedenkt, wie selbstverständlich Mobiltelefone heute sind, überrascht mich das ehrlich gesagt nicht besonders.
Wer auf der Autobahn eine Panne hat, greift eben zuerst zum Handy.
Smartphones haben die Notrufsäule fast ersetzt
Die größte Veränderung ist natürlich die Verbreitung des Mobilfunks.
Ein Smartphone hat heute praktisch jeder in der Tasche.
Bei einer Panne lässt sich damit direkt:
- der Pannendienst
- die Polizei
- die Feuerwehr
- die 112
- oder der Versicherer
kontaktieren.
Zusätzlich kann der Standort per GPS ermittelt und weitergegeben werden.
Das macht vieles einfacher als früher.
Wo früher die nächste Notrufsäule gesucht werden musste, reicht heute meistens ein Griff zum Smartphone.
eCall übernimmt bei modernen Fahrzeugen
Hinzu kommt eCall.
Das automatische Notrufsystem ist in neueren Fahrzeugen weit verbreitet und kann bei einem schweren Unfall selbstständig einen Notruf auslösen.
Je nach Fahrzeug kann eCall automatisch oder per Knopfdruck die 112 wählen.
Dabei können wichtige Informationen übermittelt werden, etwa zum Unfallort.
Genau solche Systeme nehmen den klassischen Notrufsäulen zusätzlich ihre ursprüngliche Bedeutung.
Die Notrufsäulen kosten trotzdem Geld
Der Betrieb des Systems ist natürlich nicht kostenlos.
Für:
- Betrieb
- Wartung
- Instandhaltung
- und die Notrufzentrale
entstanden im Jahr 2024 Kosten von rund 8,2 Millionen Euro.
2025 lagen die Kosten noch bei etwa 4,5 Millionen Euro.
Angesichts sinkender Nutzung ist es deshalb nachvollziehbar, dass geprüft wird, ob dieses System noch in der bisherigen Form nötig ist.
Denn letztlich geht es um eine einfache Frage:
Wie viel Geld sollte für ein System ausgegeben werden, das immer seltener genutzt wird?
Verkehrssicherheit soll trotzdem erhalten bleiben
Wichtig ist dabei: Es geht offenbar nicht einfach darum, die Notrufsäulen möglichst schnell abzubauen.
Nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums und der Autobahn GmbH soll geprüft werden, wie sich Kosten senken lassen, ohne das Sicherheitsniveau zu verschlechtern.
Und genau das finde ich den entscheidenden Punkt.
Denn so selten die Säulen heute auch benutzt werden – sie haben einen Vorteil:
Sie funktionieren unabhängig davon, ob der Fahrer ein Smartphone besitzt, ob der Akku leer ist oder ob das Mobiltelefon beschädigt wurde.
Das sollte man bei der Diskussion nicht vergessen.
Was passiert bei Funkloch oder leerem Akku?
Natürlich ist Mobilfunk heute sehr weit verbreitet.
Aber eben nicht hundertprozentig zuverlässig.
Es gibt weiterhin Situationen, in denen ein Mobiltelefon nicht nutzbar ist.
Zum Beispiel:
- Akku leer
- Smartphone nach Unfall beschädigt
- Gerät verloren
- kein Empfang
- Fahrer besitzt kein Mobiltelefon
In genau solchen Fällen kann eine feste Notrufsäule weiterhin hilfreich sein.
Gerade nach einem Unfall ist es nicht unbedingt garantiert, dass das eigene Smartphone noch griffbereit und funktionstüchtig ist.
Nicht jeder fährt ein modernes Auto
Dasselbe gilt für eCall.
Moderne Fahrzeuge besitzen solche Systeme zunehmend serienmäßig.
Aber auf deutschen Straßen fahren schließlich nicht nur Neuwagen.
Viele Fahrzeuge sind deutlich älter und verfügen über kein automatisches Notrufsystem.
Deshalb finde ich die Frage nach der Zukunft der Notrufsäulen gar nicht so einfach, wie sie zunächst klingt.
Mein Eindruck
Ich kann beide Seiten verstehen.
Auf der einen Seite stehen tausende Notrufsäulen, deren Nutzung seit Jahren zurückgeht und deren Betrieb Millionen kostet.
Auf der anderen Seite handelt es sich um eine Infrastruktur, die im Ernstfall unabhängig von Smartphone, Mobilfunkvertrag oder Fahrzeugtechnik funktioniert.
Ich selbst würde heute bei einer Panne natürlich auch zuerst zum Smartphone greifen.
Die Notrufsäule würde mir wahrscheinlich erst als zweite oder dritte Möglichkeit einfallen.
Aber genau das heißt nicht automatisch, dass sie völlig nutzlos geworden ist.
Manche Sicherheitssysteme braucht man eben gerade deshalb, weil sie selten benutzt werden.
Vielleicht braucht es nicht mehr überall 17.000 Säulen
Eine Möglichkeit könnte deshalb ein Mittelweg sein.
Statt das System komplett abzuschaffen, könnte man prüfen, ob die Zahl der Säulen reduziert oder gezielt an besonders wichtigen Streckenabschnitten erhalten werden sollte.
Das könnte beispielsweise dort sinnvoll sein, wo:
- der Mobilfunkempfang problematisch ist
- besonders viele Unfälle passieren
- Tunnel oder abgelegene Streckenabschnitte liegen
- alternative Notrufmöglichkeiten schlechter erreichbar sind
Ob genau solche Modelle geprüft werden, geht aus den bisherigen Angaben allerdings noch nicht hervor.
Fest steht nur: Der Fortbestand des Systems wird untersucht.
Fazit
Die klassischen Notrufsäulen an deutschen Autobahnen stehen auf dem Prüfstand.
Rund 17.000 Stück gibt es noch.
Gleichzeitig sinkt ihre Nutzung deutlich, während Mobilfunk und automatische Notrufsysteme wie eCall immer wichtiger werden.
Auch die Kosten sind nicht unerheblich: 2025 lagen sie bei rund 4,5 Millionen Euro.
Dass die Autobahn GmbH das System deshalb überprüft, ist nachvollziehbar.
Eine vorschnelle komplette Abschaffung würde ich trotzdem kritisch sehen.
Denn Smartphone und eCall sind bequem – aber nicht in jeder Situation verfügbar.
Vielleicht liegt die sinnvollste Lösung am Ende irgendwo dazwischen:
weniger Säulen, gezielter eingesetzt – aber nicht komplett verschwunden.
Quellen
Rheinische Post: https://rp-online.de/politik/deutschland/an-der-autobahn-ausgedient-notrufsaeulen-stehen-auf-dem-pruefstand_aid-156558641